Über Luther und die Reformation – Im Gespräch mit Thomas Kaufmann

Ingeborg Lüdtke: Die Evangelische Kirche in Deutschland ist der Zusammenschluss von selbstständigen lutherischen, reformierten und unierten Landeskirchen. Ihnen gehören 14.800 rechtlich selbstständige Kirchengemeinden an.  Was würde Martin Luther heute dazu sagen? Ist die Reformation gescheitert?

Thomas Kaufmann: Luther hat Kirche in erster Linie von der Gemeinde her gedacht. Insofern ist die große Zahl selbstständig existierender Gemeinden kein Skandal. Luther hat versucht, im Rahmen des ihm Möglichen das Landeskirchentum zu stärken. Das war unter den Bedingungen des 16. Jahrhunderts realistisch. Die Landesherren haben dann innerhalb ihres politischen Zuständigkeitsbereichs eine kirchliche Ordnung aufgebaut, die für diesen Bereich einheitlich war. Es lag ihm daran, dass man nicht in einem Dorf so das Abendmahl feiert und in einem anderen Dorf anders. Diese Funktion ist, glaube ich, nach wie vor durchaus zentral. Andernfalls ist das regelmäßig ein Anlass für unsinnige und unnötige Konflikte. Wie Luther ansonsten unsere theologische oder kirchliche Gesamtlage beurteilen würde, ist schwer zu sagen. Klar ist, dass wir heute mit der allergrößten Selbstverständlichkeit in einer Stadt wie Göttingen unterschiedliche Kirchen haben: die Reformierten, die Mehrheitskirche: die Lutheraner, die katholische Kirche, kirchliche Gemeinschaften, Gruppen, Baptisten, Mennoniten usw. Das wäre für Luther unvorstellbar gewesen. Er hat im Prinzip an der Vorstellung festgehalten, das innerhalb eines Gemeinwesens auch eine Religion zu herrschen habe. Dass es heute eine jüdische Gemeinde in Göttingen gibt, empfinden wir als ein großes Glück, ja als Segen. Für Luther wäre das anstößig gewesen.

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